Interview: Alexander Held

24.06.2024 | feurio!

Alexander Held ist Diplom-Forstwirt (MSc) und hat nach dem Studium im Fachbereich Feuerökologie begonnen, dann bald auf Feuermanagement umgeschwenkt und konnte in Südafrika in Zusammenarbeit mit den USA und Australien jahrelang praktische Erfahrung im Feuer-Management sammeln. Er hat weltweit als Berater für die Weltbank, KfW, OSCE, FAO, GIZ , etc. zum Thema Feuer gearbeitet und ist seit 2012 am European Forest Institute. Bis Januar 2024 lief dort das von der Bundesregierung geförderte Kurzzeitprojekt „WKR Waldbrand Klima Resilienz“.
www.waldbrand-klima-resilienz.com

Als Forst-Fachmann siehst Du sicher das Thema Vegetationsbrandbekämpfung etwas anders als Feuerwehren. Was müsste aus Deiner Sicht mehr auf der Tagesordnung stehen?
Vegetationsbrände sind in Deutschland angekommen. Während der Borkenkäfer und meistens auch der Sturmschaden eher im Wald bleibt und eben den Förster und Waldbesitzer beschäftigt, ist es beim Feuer komplexer. Es verlässt den Wald und ist ganz schnell Sache des Zivil- / Bevölkerungsschutzes. „Waldbrand“ hat das ja schon im Namen! Der Förster muss mit gleichem Mandat, Motivation und Energie an das Thema herangehen wie die Feuerwehr. Denn ohne die präventiven Tätigkeiten im und um den Wald herum wird der Einsatz der Feuerwehr zu oft unnötig riskant und ineffizient. Und ohne die aktive Bekämpfung eines Wildfeuers ist die Prävention oft nutzlos, man muss also zusammen denken, planen und handeln. Und eben auch die politischen und finanziellen Rahmenbedingungen aller betroffenen Akteure im Blick haben. Dies betrifft Umwelt, Agrar, Forst, Inneres, Räumliche Planung, Wetter, Frühwarnung, Bewusstseinsbildung, Erziehung, Forschung, usw. … Na, herzlichen Glückwunsch, es wird eben komplex.

In welchen Bereichen könnten Forst und Feuerwehr mehr miteinander kooperieren?
Meiner Beobachtung nach funktioniert die Zusammenarbeit auf der lokalen Ebene oft gut, weil man sich kennt. Dieses „Sich-kennen“ (oder gar vertrauen) ist aber kein Automatismus, das muss gepflegt werden. Vor allem, wenn man dann an Ebenen denkt wie Landkreis, Region, Bundesland – bis hin zur gegenseitigen Hilfeleistung im internationalen Bereich. Positive Beispiele gibt es in der Tat von Mecklenburg-Vorpommern bis Bayern. Leider basieren diese guten Beispiele allzu oft auf persönlichem Engagement und motivierten Einzelpersonen … manchmal aber auch schon in Waldbrandkompetenzzentren, die 50/50 mit Forst und Feuerwehr besetzt sein werden! In Baden-Württemberg wird seit 2023 ein sogenanntes Tandem-System für das Thema Waldbrand aufgebaut, das beginnt mit dem Forstrevierleiter und dem Team der Forstwirte und dem lokalen Feuerwehr-Kommandanten mit seiner Mannschaft und setzt sich fort bis zum Landesforstpräsidenten, der ein Tandem mit dem Landesbranddirektor bildet. Insgesamt muss allen Beteiligten klar werden, dass jeder in seinem Aufgabenfeld für die anderen Vorarbeit leistet, sodass am Ende alle zusammen ohne Waldbrandkatastrophe durch die trockenen Sommer kommen.

„Langfristiges nachhaltiges Engagement, konstruktives Miteinander, gegenseitige politische Unterstützung.“

Wenn Du einen Wunsch an die Forstbetriebe und Feuerwehren frei hättest – was würdest Du Dir wünschen?
Langfristiges nachhaltiges Engagement, konstruktives Miteinander, gegenseitige politische Unterstützung. Dann wird der resiliente Wald der Zukunft auch ein Anliegen der Feuerwehr und das Feuerwehrwesen (Einsatzsicherheit) wird ein Anliegen der Förster und Waldbesitzer! Und dies nicht nur in einem besonders trockenen Sommer, sondern immer und an 365 Tagen im Jahr.

Die Diskussion um vermehrten Einsatz von Hubschraubern und Flugzeugen nimmt zu. In den USA oder Mittelmeer-Anrainerstaaten wird zunehmend „Retardant“ als Löschmittel eingesetzt. Wäre das auch eine Alternative bzw. Ergänzung in Deutschland?
Bekämpfung aus der Luft, wenn gut mit den Bodentruppen koordiniert und aggressiv im Erstangriff, kann sehr effektiv sein! 3.000 Liter Wasser aus der Luft abzuwerfen – das ist wirklich teures Wasser! Alles, was hilft, dieses Wasser „nasser“ und effektiver zu machen, darf und muss meiner Meinung nach zumindest mal bedacht werden. Ich habe lange Zeit mit und unter Löschflugzeugen in Südafrika gearbeitet, umweltfreundliches Gel bzw. Netzmittelzugabe war dort Standard. Im Rest der Welt ja auch. Ähnlich wie die Anwendung von Feuer zur Brandbekämpfung weltweit genutzt wird. All dies wird mit Verzögerung auch in Deutschland kommen (müssen). Aber nicht nur bei der Bekämpfung aus der Luft, auch am Boden wird Löschwasser immer knapper. Die Steigerung der Effizienz des wenigen Wassers ist also auch hier zu bedenken.

Es hat einige Landesbeschaffungen für Waldbrand-Tanklöschfahrzeuge auf Unimog oder Tatra gegeben. Du selbst fährst einen Pickup-Truck mit einer Löschanlage von Vallfirest. Wäre dies nicht eine sinnvolle Ergänzung bei Feuerwehren?
Ich komme zurück auf meinen Kommentar von oben. Die ganze Waldbrandwelt fährt auch den leichten 4×4-Pickup mit Waldbrandwerkzeug und Schnellangriffseinrichtung. Bei der Gebirgstruppe 1994 wurde ich mal gefragt: „Held, was machen Sie richtig, was alle anderen falsch machen?“ Daran muss ich jetzt oft denken … Ein Pickup als multifunktionales, kostengünstiges Einsatzfahrzeug bei der Feuerwehr und auch im Forst, Anwendung von taktischem Feuer, Hubschrauber oder Löschflugzeugen – was machen wir richtig, was alle anderen falsch machen? Im Ernst, ein 4×4-Pickup ist so multifunktional und verhältnismäßig günstig, dass ich ihn als unbedingte Ergänzung und Kombination (Verbund der Waffen) zu anderen Fahrzeugen fast zwingend sehe. Natürlich ausgerüstet mit kleiner, feiner Löschanlage, Handwerkzeugen wie Hacken, Spatenschaufel, Rucksackspritzen, Laubbläser etc.

Im Juni findet die kwf-Tagung in Schwarzenborn statt. Ist ein Besuch auch für Feuerwehren zu empfehlen?
Die kwf-Tagung ist wahrscheinlich das weltgrößte Forstevent, im Freien! 2024 wird es dort eine sogenannte Sonderschau Waldbrand geben. Das macht Sinn, denn es heißt ja WALD-Brand und der Forstsektor kann hier noch viel aufholen. Wir wollen mit ausgewählten Ausstellern und Akteuren die Themen vor, während und nach dem Waldbrand beleuchten und zu den Schwerpunktthemen „Feuermanagement auf munitionsbelasteten Flächen“ und „Feuerbekämpfung ohne Wasser“ die aktuellen Entwicklungen und Möglichkeiten aufzeigen und weiter entwickeln. Dönges ist auch dabei! Angedacht ist auch ein informelles Waldbrand-Netzwerktreffen am Abend des 21. Juni, siehe oben: „get to know each other, like each other, trust each other”.

„Ein Wald der das Attribut, typisches Waldinnenklima‘ hat, brennt weniger. Denn er ist feuchter im Boden und in der Vegetation, windstiller und kühler.

Auf dem „Wildfire Camp“ von Dönges warst Du als Referent auf der Bühne. Du hast mit einem Augenzwinkern dazu aufgerufen, mehr „Reh“ zu essen. Was meinst Du damit?
Ein Wald, der das Attribut „typisches Waldinnenklima“ hat, brennt weniger. Denn er ist feuchter im Boden und in der Vegetation, windstiller, kühler und schattiger. Dies ist er aber nur, wenn er achtsam und resilient, also möglichst komplett und ganzheitlich bewirtschaftet und genutzt wird. Ähnlich wie unsere Darmbakterien ist es mit dem „kompletten System Wald“. Je mehr und je mehr verschiedene Darmbakterien wir haben, desto besser für unser Immunsystem. Und so ist es mit der Biodiversität im Wirtschaftswald! Dazu braucht es aber auch viele verschiedene Kraut- und Baumarten. Und eben genau diese Kraut- und Baumarten werden oft von Reh und Hirsch ganz gezielt heraus selektiert, also gefressen. Übrig bleibt leider oft Kiefer und Fichte … da merkt auch der Laie, dass da was fehlt zum „Waldinnenklima“, das für weniger brennbare Wälder sorgt. Also, esst mehr Wild!

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